Der Verlust der Kindheit und Dame Judi Dench

Das Noël Coward Theatre in London ist so, wie man sich Londoner Theater vorstellt: klein, verwinkelt und very british. Und: man sieht auch von den billigen Plätzen hervorragend. Beinfreiheit gibt es zwar quasi nicht, dafür aber freie Sicht auf die Bühne. Und die beiden Hauptpersonen, die die Zuschauer dort für gut 80 Minuten in ihren Bann zogen, erreichen auch mühelos die oberen Ränge. Judi Dench (die den ersten Applaus bekam, ohne auch nur ein einziges Wort von sich zu geben – manche Menschen sind so beeindruckend, da reicht es, wenn sie die Bühne betreten) und Ben Whishaw, beide kürzlich als M und Q in „Skyfall“ noch gemeinsam auf der großen Leinwand zu sehen gewesen – wenn auch ohne gemeinsame Szene – sind Alice Liddell Hargreaves und Peter Llewelyn Davies. Noch nie gehört? I beg to differ: handelt es sich hierbei doch um die beiden realen Personen, die die Autoren Lewis Carroll und JM Barrie zu „Alice im Wunderland“ und „Peter Pan“ inspirierten. Und eben diese zwei Menschen treffen nun aufeinander, Alice bereits im und diskutieren über den Einfluss, den diese literarischen Figuren auf sie hatten, den Verlust der Kindheit, dem Unterschied zwischen dem Vorstellungen, die sie einst einmal von ihrem zukünftigen Leben hatten und der Realität. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwinden im Laufe des Stücks mehr und mehr, Peter und Alice treffen auf Carroll und Barrie und auf ihre Alter Egos, von denen sie konstant verhöhnt werden und die Handlung nimmt biographische Aspekte aus dem Leben von Alice und Peter auf. Wie erfahren von der ungewöhnlich traurigen, tragischen Familiengeschichte der Davies, von Peter Davies fast hasserfüllte Abneigung gegenüber dem Jungen, der nie erwachsen werden wollte, wir begleiten Alice vom verliebten jungen Mädchen zu ihrem Alltag als desillusionierte ehefrau und Mutter, die leise fragt, ob das wirklich schon alles war bis hin zu dem Punkt, an dem sie als Witwe gezwungen ist das Originalskript von „Alice im Wunderland“, das Carroll ihr einst schenkte, zu verkaufen.

Die Ausgangsszenerie gab es so tatsächlich, 1932 fand ein ebensolches Treffen zwischen Hargreaves und Davies statt. Der Rest ist literarische Freiheit und dabei so traurig-schön, so deprimierend und Mut machend, dass das Publikum am Ende recht still und nachdenklich das Theater verlässt. Doch nicht ohne Dench und Whishaw vorher entsprechend zu feiern.

 

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