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Warum Weihnachten in London toller ist als irgendwo anders…

Unser jährliches Vor-Weihnachtswochenende in London liegt hinter uns. So früh wie dieses Jahr waren wir tatsächlich noch nie dran, damit hatten wir zwar tatsächlich nicht mit Schneegestöber und abgesagten Flügen zu tun, aber dafür war das Weihnachtsfeeling noch nicht ganz so präsent wie in den vergangenen Jahren. Trotzdem ist London für uns die Weihnachtshauptstadt Nummer eins – hier die zehn Gründe warum das so ist:

  1. Die Beleuchtung auf der Regent Street, der Oxford Street und die Deko über der Carnaby Street.
  2. Weil das Royal Ballett und die Royal Opera House zu Weihnachten Inszenierungen aufführen, die selbst den größten Muffel in eine zauberhafte Stimmung versetzen.
  3. Weil es überall großartige Christmas Menus gibt: Smoked duck, red slaw & apple Crostini, Mulled Cider Jelly with apple & blackberry, chestnut & potato crochette (Fried potato, ricotta & chestnut dumplings with fried sage) – need I say more?
  4. Weil man dem Geschenkepanikgedränge (das hier genauso schrecklich ist wie in jeder Innenstadt) hervorragend entfliehen, indem man einen der zahlreichen kleinen Märkte oder Einkaufspassagen in den großartigen Außenbezirken besucht (wie z.B. der im Barbican oder in Dalston)
  5. Weil Christmas Jumper die beste Tradition ever sind – die Weihnachtslaune steigt SOFORT!
  6. Niemand kann schlechte Laune haben, während er mit einem Papierkrönchen herumläuft.
  7. Neben den in Punkt 2 erwähnten klassischen Weihnachtsstücken gibt es auch jede Menge großartige Alternativen: ob es der Rundgang durch einen fiktiven Konsumalptraum ist oder ob man mit Elfen unterwegs ist um Weihnachten zur retten
  8. Mulled Cider schmeckt einfach besser als Glühwein
  9. Engländer in allen Positionen und Lebenlagen haben kein Problem mit Weihnachtsmützen oder Verkleidungen, daher trifft man gerne mal auf Weihnachtsmänner, Elfen, den Grinch oder andere lustige Personen; und wenn man an der Straße auf einmal von unzähligen Menschen im Weihnachtsmannkostüm überholt wird, dann ist man wohl gerade in einem Flashmob gelandet
  10. Mein Lieblingsweihnachtsfilm „Love actually“ in London spielt – und alles dort tatsächlich so aussieht wie im Film

 

 

 

Fröhliche Weihnachten an alle!

Only in London

Clubben von 6:30 bis 10:30 morgens – für wen das nicht wie ein Alptraum, sondern wie ein erstrebenswerter Zustand klingt, der ist bei Morning Glory an der richtigen Adresse. In einer verlassene Industriehalle in Shoreditch kann man den Tag mal anders beginnen – im Pyjama und mit alkoholfreien Shakes bei lauter Musik. Kostenfreie Massagen und Yoga stehen ebenfalls auf dem Programm.

Wer hätte gedacht, dass man mit einem Haufen Fremder so viel Spaß haben könnte. Und tatsächlich im Anschluss so wach ist. Und sich über Tanzen ohne schummrige Beleuchtung und ohne aufgestylte Menschen weit mehr freuen könnte, als man es seit Jahren bei normalen Tanzaktivitäten getan hat.

Man kann die Engländer einfach nur lieben: ich habe mehr als eine Person gesehen, die im mehr oder minder klassischen Schlafanzugsoutfit (bei einem war es ein Giraffenkostüm) in der Toilette verschwunden sind und im Business-Kostüm wieder herauskam. Die wohl immer häufiger geschaffenen Duschmöglichkeiten in Bürokomplexen machen es möglich.

Und selten bin ich auf einen Haufen derart entspannter, gut gelaunter Menschen getroffen.

Und ja – der Mann in dem Video trägt ein Einhorn – Kostüm. Einfach weil er es kann.

A night at the museum

Wir haben im Natural History Museum übernachtet. Kleinkinderträume gepaart mit Abenteuerlust und nicht-lange-über-den-Preis-Nachdenken-Schübe führten dazu, dass wir schließlich mit Schlafsäcken und illegal als dem Hostel entwendeten Kissen lange nach Öffnungszeiten vor dem Museum kampierten, wie wir dann merkten zusammen mit erstaunlich vielen anderen Menschen, gut, das hatten wir uns kleiner vorgestellt, macht nichts. Wir standen noch ziemlich weit vorne, ein Schlafplatz unter dem Riesendino im Eingangsbereich war uns sicher. Direkt vor Ort haben wir uns dann doch für eine kleine Einbuchtung an der Seite entschieden, die hatte den unschlagbaren Vorteil, dass da nachts niemand mehr an Dir vorbei musste und im Zweifelsfall über dich drüber fliegt. Und der Blick auf den Dino war dann von dort auch besser als direkt unten drunter, logisch.

Im Laufe der nun folgenden Nacht haben wir gut getrunken, mittelmäßig gegessen, Bekanntschaften gemacht, die man direkt mit zwei, drei Insekten-Snacks beim „insect tasting“ vertiefen konnte, überraschend gruselige Ghost-Stories von den Guards gehört (denen offenbar regelmäßig viktorianische Mädchen über den Weg laufen), unverdienter Weise nicht beim Quiz gewonnen und einfach viel Spaß gehabt. Geschlafen haben wir zwar nur von drei bis halb sieben, aber das erstaunlich tief und gut. Und wir haben Dr. Erica McAllister kennengelernt, die uns erst eine Stunde lang skurrile Fakten aus dem Sexleben von Insekten erzählt hat und sich dann anschließend bereit erklärt hat uns bei nächster Gelegenheit durch die Dauerausstellung zu führen. Ich kann es kaum noch erwarten! Vor allem wäre das eigentlich der Hauptpreis für das Quiz gewesen, ein Mitarbeiter Deiner Wahl führt Dich – also trotzdem gewonnen, irgendwie.

Ansonsten: Frittierte Insekten schmecken wie Rice Crispies und es gibt Käfer (ich glaube es waren Hirschkäfer), da besteigen alle Männer das Alpha-Männchen, um anschließend auch so zu riechen und freie Fahrt bei allen Weibchen zu haben. Clever!

Londons East End ist voller Street Art…

…und Pepe von London Walks kennt sie alle und zeigt die großen und die kleinen Kunstwerke. Drei Daumen hoch und großer Ausprobier-Befehl!

Ben Eine

 

 

Roa

 

 

 

Und wenn man Glück hat, trifft man einen der Künstler dabei sogar noch persönlich. Hier hab ich jetzt natürlich vergessen wie er heißt. Auf jeden Australier, hat eine Zeit lang auf der Straße gelebt und wie man oben sieht bedient er sich dieser Farbtupfertechnik, die bestimmt einen tollen Namen hat, den ich nicht kenne und den er sich von den Aborigines abgeguckt hat.

In jedem Fall sind die Sachen meist kurzlebig, verschwinden schnell wieder, aber sie sind überall zu finden, gerade Shoreditch ist voll davon. Hingehen, suchen, staunen!

May I introduce myself?

My name is Robbie fucking Williams and for the next two hours your ass belongs to me!

Was für ein Start in nicht nur eines der schönsten, sondern auch der entspanntesten Konzerte, auf denen ich je gewesen bin. Schon allein das Setting: Wembley Stadium! Bereits auf der Hinfahrt schallte es in der Tube auf einmal durch die Lautsprecher: „Who is going to see Robbie tonight? I can’t hear you!“ gefolgt von der passablen Karaoke-Version von „Angels“, zum Besten gegeben durch den Conductor, im Nu unterstützt durch die meisten Mitfahrer.

Vor Ort ging alles schnell, reibungslos und freundlich, etliche Besucher hatten sogar Picknick – Körbe dabei und sofern man bei den Getränkeflaschen die Deckeln entfernte durfte auch alles mit hineingenommen werde. Es gab kaum Schlangen, überall war die bestgelaunteste Security, die ich je gesehen habe und die Stimmung war entspannt. Die Wartezeit überbrückten Publikum und Security mitunter auch mal gemeinsam:

Und Mr. Williams persönlich, mit einem „Heimspiel“, lieferte zwei Stunden Show, Stimmung und Spaß, die jeden Zweifel, der sich im Vorfeld vielleicht angesichts des Ticketpreises doch mal wieder eingeschlichen hatte, beiseite: ja, er ist das Geld wert.

Dank der unglaublichen Organisation vor Ort waren wir innerhalb von 35 Minuten aus dem Stadion in der U-Bahn vor dem Hostel, so schnell konnte man gar nicht gucken. Aber nicht ohne ein freundliches: „Hope you had a great night!“ durch die Security beim Rausgehen.

Pop-up Bar at the National Theatre

Southbank ist immer einen Besuch wert, wenn man in London ist. Hier befinden sich nicht nur solche Touristenanziehungspunkte wie das „London Eye“, sondern auch Kulturzentren wie das National Theatre, das regelmäßig durch hervorragende Inszenierungen und die wohl erschwinglisten Kartenpreise in London besticht. In die Reihe der Straßenfeste, Pop-up Venues und Street-Art Aufführungen, die im Sommer die Promenade säumen, reiht sich das Theater dieses Jahr erneut mit seiner „Riverside Bar“ ein. Noch bis zum 28. September kann man dort ein gepflegtes Pint oder einen Pimm’s, das klassische Sommergetränk der Engländer, konsumieren – und das nicht nur mit Blick auf die Themse und das atemberaubende Panorama der schönsten Stadt der Welt, sondern auch noch Theater im wahrste Sinne des Wortes zum Angreifen erleben. Denn die komplette Bar besteht aus Requisiten des National Theatres. Wer also in den vergangenen Monaten das Glück hatte, eine Vorstellung dort zu besuchen, der entdeckt vermutlich den einen oder anderen Gegenstand, den er zuvor auf der Bühne gesehen hat (die Gans aus „War horse“ war leider hinter Glas, aber der Eberkopf konnte ich mir dafür sehr nah ansehen).

Der Verlust der Kindheit und Dame Judi Dench

Das Noël Coward Theatre in London ist so, wie man sich Londoner Theater vorstellt: klein, verwinkelt und very british. Und: man sieht auch von den billigen Plätzen hervorragend. Beinfreiheit gibt es zwar quasi nicht, dafür aber freie Sicht auf die Bühne. Und die beiden Hauptpersonen, die die Zuschauer dort für gut 80 Minuten in ihren Bann zogen, erreichen auch mühelos die oberen Ränge. Judi Dench (die den ersten Applaus bekam, ohne auch nur ein einziges Wort von sich zu geben – manche Menschen sind so beeindruckend, da reicht es, wenn sie die Bühne betreten) und Ben Whishaw, beide kürzlich als M und Q in „Skyfall“ noch gemeinsam auf der großen Leinwand zu sehen gewesen – wenn auch ohne gemeinsame Szene – sind Alice Liddell Hargreaves und Peter Llewelyn Davies. Noch nie gehört? I beg to differ: handelt es sich hierbei doch um die beiden realen Personen, die die Autoren Lewis Carroll und JM Barrie zu „Alice im Wunderland“ und „Peter Pan“ inspirierten. Und eben diese zwei Menschen treffen nun aufeinander, Alice bereits im und diskutieren über den Einfluss, den diese literarischen Figuren auf sie hatten, den Verlust der Kindheit, dem Unterschied zwischen dem Vorstellungen, die sie einst einmal von ihrem zukünftigen Leben hatten und der Realität. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwinden im Laufe des Stücks mehr und mehr, Peter und Alice treffen auf Carroll und Barrie und auf ihre Alter Egos, von denen sie konstant verhöhnt werden und die Handlung nimmt biographische Aspekte aus dem Leben von Alice und Peter auf. Wie erfahren von der ungewöhnlich traurigen, tragischen Familiengeschichte der Davies, von Peter Davies fast hasserfüllte Abneigung gegenüber dem Jungen, der nie erwachsen werden wollte, wir begleiten Alice vom verliebten jungen Mädchen zu ihrem Alltag als desillusionierte ehefrau und Mutter, die leise fragt, ob das wirklich schon alles war bis hin zu dem Punkt, an dem sie als Witwe gezwungen ist das Originalskript von „Alice im Wunderland“, das Carroll ihr einst schenkte, zu verkaufen.

Die Ausgangsszenerie gab es so tatsächlich, 1932 fand ein ebensolches Treffen zwischen Hargreaves und Davies statt. Der Rest ist literarische Freiheit und dabei so traurig-schön, so deprimierend und Mut machend, dass das Publikum am Ende recht still und nachdenklich das Theater verlässt. Doch nicht ohne Dench und Whishaw vorher entsprechend zu feiern.