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Der Frieden der englischen Küste

Der lang ersehnte Sommerurlaub kam so langsam und ging so schnell. Im Vorfeld erschienen zwei Wochen so lang, aber ich hätte Wochen dort verbringen können und es wäre vermutlich noch zu kurz gewesen. Und obwohl wir nun schon das vierte (?) Jahr dort gewesen sind freuen wir uns jetzt schon auf 2014. Im Grunde unseres Herzens sind wir wohl doch eher die Spießer, die jedes Jahr an den gleichen Ort fahren und sich noch drüber freuen. Aber wenn der Ort so schön, entspannt und friedlich ist wie Southwold – wer könnte es ihm verdenken. Noch nie zuvor waren wir aber so sehr „in der Saison“ dort wie 2013 – und sind vor lauter Freizeitangebot fast in Zeitdruck geraten. Na gut, das ist vielleicht ein wenig übertriebene, die britische Ostküste entschleunigt tatsächlich wie kaum ein anderer Ort, aber dennoch, wir waren im Theater, im Nostalgie-Kino, haben eine Stadt- und eine Schnapsbrennerei-Führung mitgemacht, waren zweimal hervorragend essen (und haben unser Herz überraschend an „The Crown“ verloren, die unserer Meinung nach beste Küche des Ortes – und wir waren zum ersten Mal drin! Skandal!), haben ein Orgelkonzert besucht, fast jeden Tag am Strand gesessen und viel, viel gelesen…

Zudem ist es zu reizend, wie viel Aufhebens der winzige Ort um jedes Freizeitangebot macht. Das Auftritt der örtlichen Blaskapelle wurde als „Exciting news!“ angekündigt und die zwei Stunden Auftritt am Pier waren auch überraschend gut besucht. Was aber auch am Wetter liegen mag. Das war nämlich strahlend schön. Da sitzt man auch schon mal auf den Stufen, schleckt ein Eis und hört sich eine mehr oder weniger gelungene Blaskapellenversion von Les Miserables Liedern an. Vor allem wenn die Auswahl der Medleys recht ungewöhnlich ist. Auch der groß angekündigte Vintage Market entpuppte sich als vier Beach Huts mit zugegebener Maßen Vintage Angebot und einem uralten Karussell – was gleichermaßen bezaubernd und entspannend unaufregend war. Denn wie schön ist es, wenn vier kleine Hütten schon als große Attraktion gelten und dann auch tatsächlich reichen. Und dazu noch Raum für nette Gespräche mit den Verkäufern und zum Verweilen bei einer Tasse Tee bieten.

Die zwei Wochen Sommerurlaub sind die Entschleunigung, die wir jedes Jahr brauchen, in der wir fast zum Stillstand kommen, in der höchstens alle paar Tage die Mails mal manuell abgerufen werden und dann auch nur beantwortet, wenn tatsächlich irgendwo die Hütte brennt. In der es als Aufregung für den Tag reicht, dass man den lokalen Markt besucht und sich dann schon gründlich überlegt, ob man noch zum Cream Tea gehen soll, weil das schon fast an zu viel Programm für einen Tag grenzt. Wer uns kennt weiss, dass wir zu vielen Terminen und zu knapper Zeit neigen, alles auf einmal wollen und viele Dinge als unstressig empfinden, bei denen andere die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Wer sich ab und zu mal gefragt hat warum das so ist: hier ist die Antwort. Die Ruhe reicht offenbar für ein ganzes Jahr.