Von Alkoholschmuggel und Flüsterkneipen

Irgendwann mal war in den USA der Alkoholkonsum verboten, das Wort „Prohibition“ haben die meisten schon einmal gehört und können es spätestens seit Boardwalk Empire auch grob den 1920er Jahren zuordnen. Genau genommen galt das Gesetz von 1919 bis 1933, das stimmt also tatsächlich so ungefähr. Die Regierung dachte damals ohne Schnaps gäbe es weniger Kriminalität, das hat so leider nicht funktioniert, vielleicht lag es aber auch daran, dass sich an das Verbot im Grunde sowieso niemand so richtig gehalten hat, wer kann das schon sagen. Überall im Land entstanden sogenannte Flüsterkneipen, im Originalwortlaut „Speakeasy Bars“, die illegal auch in der Zeit von 1919 bis 1933 Alkohol ausschenkten. Man wusste nur wissen wo man sie findet, das stand logischer Weise draußen nicht dran. Das Verbot gibt es heute nicht mehr, das Prinzip der Bars mittlerweile zu Hauf in New York aber wieder. Wenn man nicht weiss, wo sie sind, dann findet man sie auch nicht, als Durchschnittstouri vermutlich ohnehin nicht. Wobei einige besser versteckt sind als andere.

Wir hatten das Glück dank der Ortskenntnis unserer Gastgeber gleich zwei solcher Bars zu besuchen. Die erste war der Blind Barber, von außen ein klassischer Männerfriseur, in dem man sich auch eine gepflegte Rasur verabreichen lassen konnte, ganz, wie es sich gehört. Hinter dem Ladengeschäft, durch eine Schiebetür, gelangt man in eine Bar, die auch vom Stil her eher an die 1920er erinnert, jedoch nicht zu aufdringlich. Zu trinken gibt es Cocktails, Wein und Bier (wer das amerikanische Bier ebenso zu schätzen weiss wie unsere Gruppe, der hält sich besser an „Stella“) und kann in gemütlichen Ecken loungen, trinken und zu späterer Stunde auch ein wenig in der Mitte des Raums tanzen. Wenn man früh kommt (gegen 19/20 Uhr) ist wenig los und der Eintritt auch am Wochenende kaum ein Problem. Später sitzt dann der in New York allgegenwärtige Türsteher vor dem Barber Shop (und verrät durch seine bloße Existenz im Grunde schon die Anwesenheit von etwas mehr als eines klassischen Friseurs) und kontrolliert die Ausweise (generell als Hinweis: egal, wie offenkundig man über 21 ist, Amerikaner wollen beim Eintritt in Bars o.ä. den Ausweis sehen. Ich habe 50jährige beobachtet, die an der Bar nach ihrer „ID“ gefragt wurden). Die Location ist also im Laufe des Abends deutlich weniger geheim, doch trübt das die Freude des Barbesuchs natürlich nicht.

Weniger einfach geht es bei Please don’t tell zu. Der Weg führt über einen Imbiss und eine Telefonzelle in eine sehr schöne, überschaubare Cocktailbar mit wenigen Tischen und einer auserlesenen Getränkekarte. Die Warteliste ist lang, man kann sich telefonisch vormerken lassen und wenn man Glück hat gibt es einen Rückruf. Bei uns hat er bereits beim zweiten Anlauf geklappt und unsere Freude war dementsprechend groß. Warten und Suchen stehen hier definitiv in einem gesunden Verhältnis und sind im Grunde Teil des Erlebnisses.

Da beide Locations das Geheimnis ihrer genauen Position auf ihren Internetseiten wahren, werde ich das auch tun, ich hab schon viel zu viel erzählt. Und mit ein wenig Suchen und Recherche im Internet wird man sicherlich fündig. Viel Spaß! Und: Please don’t tell!

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Let’s hear it for New York…

Das Spannendste an New York ist – man hat das Gefühl, schon einmal dort gewesen zu sein. Unzählige Filme, Serien, Dokumentationen haben uns über Jahrzehnte Eindrücke und Bilder von der Stadt eingeprägt, die überraschender Weise der Realität standhalten. Oder ein wenig profaner ausgedrückt: es sieht alles aus wie im Fernsehen. Dadurch entsteht ein unmittelbares Gefühl von Vertrautheit der Metropole gegenüber, die ansonsten vermutlich deutlich erschlagender, einschüchternder wäre. Doch New York begrüßt einen eher wie ein Verwandter, von dem man schon unzählige Familienbilder gesehen hat, den man aber bisher nie persönlich traf (und der einem von Beginn an grundsympathisch ist).

Hinzu kommt: ich hatte befürchtet New York sei voller Carrie Bradshaws, magersüchtige Modepüpchen, die durch ihre bloße Existenz Minderwertigkeitsgefühle und Kleinstadtkomplexe bei mir auslösen würden. Doch mitnichten: gerade das East Village, wo unser Apartment lag und wir auch die meiste Zeit verbracht haben, ist gefüllt mit einer bunten Mischung aus unterschiedlichsten Typen, alle mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Zielen, jeder einzigartig, jeder auf seine Art natürlich und nicht aufgestylt oder aufgesetzt. Gleichzeitig umweht die Gegend der Hauch des Transits, die Bewohner bleiben vermutlich nicht für immer hier wohnen, für viele ist es der Ort, an dem sie „es“ schaffen wollen, oder an dem sie ihre Jugend genießen, nicht der Ort, an dem sie in Rente gehen werden. Doch waren es noch vor 70 Jahren vor allem die Emigranten, die vor der Flucht vor den politischen und ökonomischen Bedingungen ihres Heimatlandes waren, die New York diese Aura gegeben hat, so ist es inzwischen genauso die Generation der 20 bis 40jährigen, die ohne jede Notwendigkeit ihre Heimat verlassen haben, einfach weil sie in New York sein wollen.

Neben den noch folgenden Einträgen zu einigen Highlights des Trips hier noch die Top 10+ der weiteren Höhepunkte der Woche:

  1. Kurzausflug ins Jane, eine Nacht mit richtiger Dusche und Design-Luxus zum Hochzeitstagsvorfeiern…zusammen mit einem großartigen Essen ein unschlagbar entspannt-romantischer Abend.
  2. Central Park: ja, manche Dinge sind einfach so gut wie ihr Ruf. Die Parkanlage ist riesig, lädt zum Rumfläzen ein und wirkt wie eine Oase mitten in der Stadt. Zudem, für mich als weltweit größten Beatles/John Lennon Verehrer ever, natürlich schon aufgrund von Strawberry Fields und dem nahegelegenen Dakota Building ein notwendiger Stop für einige Minuten der Ehrerbietung. Und zudem hatten wir im Park noch viel Spaß mit den diversen Statuen, z.B. Evil Alice:

  1. Das Flatiron Building, mein Lieblingsgebäude im Big Apple (architektonisch), na ja, vielleicht sehr dicht gefolgt von der Grand Central Station
  2. Der Abschiedsabend in der Rooftop Lounge mit Panorama Blick auf die Stadt (open air!) und die Cocktails waren auch noch gut
  3. Der Abend in der Sushi Bar…aber das hatte eigene Gründe…

  1. Die unzähligen Vintage Stores, Straßenmärkte und generell das Lebensgefühl im East Village
  2. Das Café Habana mit den besten Maiskolben der Stadt, sowie Essen an einem der vielen Straßenverkäufe, die alles frisch und super lecker zubereiten (leider viel zu wenig gemacht)…generell, sooo viel gutes Essen!
  3. Das Riesenrad im ToysRUs am Times Square – ein riesen Spaß:

  1. Die Punk und Fashion Ausstellung im Metropolitan Museum of Art
  2. Die Ausstellung über New York und den WWII in der New York Historical Society
  3. Die New York Public Library und natürlich vor allem die original Winnie the Pooh Stofftiere (siehe oben)
  4. Die High Line – so viel Ruhe und Natur mitten in all der Hektik
  5. Überall gibt es etwas zu sehen und zu entdecken. Einige Warteminuten auf die U-Bahn können zu einem Gratiskonzert führen (Ach Mist, jetzt hab ich die Top 10 aber wirklich schon arg gesprengt…)

Details zu 2 weiteren Höhepunkten folgen in Kürze. To be continued…

Schönheit und Zerfall vor der Linse

Go2Know, ein kleines Berliner Fotografie/Event-Unternehmen, bringt Hobby-Fotografen dorthin, wo sie sonst nur illegal Bilder machen könnten: an verfallene Industrieruinen, lang verlassene Heilanstalten oder, wie in unserem Fall, in den ehemaligen Spreepark, einst das Glanzstück des DDR-Freizeitangebotes, hat das Schicksal nach dem Mauerfall es leider wenig gut mit dem Gelände gemeint, Schuld daran war vor allem sein neuer Besitzer, der sich selbst und den Freizeitpark durch falsche Investitionen und fragwürdige Geschäftspraktiken ins Abseits katapultierte. Zurück bleiben brach liegende, halb fertig gebaute Achterbahnen, überwucherte Fahrgeschäfte und jede Menge Motive für jede Art von Linse. Hier ein paar Highlights:

Das ehemalige Riesenrad ölt sich selbst durch Bewegung/Windantrieb und erzeugt dabei recht unheimliche Geräusche. Der Einstieg wäre zwar prinzipiell noch möglich, doch wenn hoch oben auf einmal der Windaussetzt, hätte der illegale Fahrgast ein Problem…

Die Dinosaurier lassen den Zeitpunkt der geplanten Eröffnung dieser unfertigen Bahn erahnen – Der „Jurrasic Park“- Hype lässt grüßen…

Der „Fresswürfel“

Pop-up Bar at the National Theatre

Southbank ist immer einen Besuch wert, wenn man in London ist. Hier befinden sich nicht nur solche Touristenanziehungspunkte wie das „London Eye“, sondern auch Kulturzentren wie das National Theatre, das regelmäßig durch hervorragende Inszenierungen und die wohl erschwinglisten Kartenpreise in London besticht. In die Reihe der Straßenfeste, Pop-up Venues und Street-Art Aufführungen, die im Sommer die Promenade säumen, reiht sich das Theater dieses Jahr erneut mit seiner „Riverside Bar“ ein. Noch bis zum 28. September kann man dort ein gepflegtes Pint oder einen Pimm’s, das klassische Sommergetränk der Engländer, konsumieren – und das nicht nur mit Blick auf die Themse und das atemberaubende Panorama der schönsten Stadt der Welt, sondern auch noch Theater im wahrste Sinne des Wortes zum Angreifen erleben. Denn die komplette Bar besteht aus Requisiten des National Theatres. Wer also in den vergangenen Monaten das Glück hatte, eine Vorstellung dort zu besuchen, der entdeckt vermutlich den einen oder anderen Gegenstand, den er zuvor auf der Bühne gesehen hat (die Gans aus „War horse“ war leider hinter Glas, aber der Eberkopf konnte ich mir dafür sehr nah ansehen).

Der Verlust der Kindheit und Dame Judi Dench

Das Noël Coward Theatre in London ist so, wie man sich Londoner Theater vorstellt: klein, verwinkelt und very british. Und: man sieht auch von den billigen Plätzen hervorragend. Beinfreiheit gibt es zwar quasi nicht, dafür aber freie Sicht auf die Bühne. Und die beiden Hauptpersonen, die die Zuschauer dort für gut 80 Minuten in ihren Bann zogen, erreichen auch mühelos die oberen Ränge. Judi Dench (die den ersten Applaus bekam, ohne auch nur ein einziges Wort von sich zu geben – manche Menschen sind so beeindruckend, da reicht es, wenn sie die Bühne betreten) und Ben Whishaw, beide kürzlich als M und Q in „Skyfall“ noch gemeinsam auf der großen Leinwand zu sehen gewesen – wenn auch ohne gemeinsame Szene – sind Alice Liddell Hargreaves und Peter Llewelyn Davies. Noch nie gehört? I beg to differ: handelt es sich hierbei doch um die beiden realen Personen, die die Autoren Lewis Carroll und JM Barrie zu „Alice im Wunderland“ und „Peter Pan“ inspirierten. Und eben diese zwei Menschen treffen nun aufeinander, Alice bereits im und diskutieren über den Einfluss, den diese literarischen Figuren auf sie hatten, den Verlust der Kindheit, dem Unterschied zwischen dem Vorstellungen, die sie einst einmal von ihrem zukünftigen Leben hatten und der Realität. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwinden im Laufe des Stücks mehr und mehr, Peter und Alice treffen auf Carroll und Barrie und auf ihre Alter Egos, von denen sie konstant verhöhnt werden und die Handlung nimmt biographische Aspekte aus dem Leben von Alice und Peter auf. Wie erfahren von der ungewöhnlich traurigen, tragischen Familiengeschichte der Davies, von Peter Davies fast hasserfüllte Abneigung gegenüber dem Jungen, der nie erwachsen werden wollte, wir begleiten Alice vom verliebten jungen Mädchen zu ihrem Alltag als desillusionierte ehefrau und Mutter, die leise fragt, ob das wirklich schon alles war bis hin zu dem Punkt, an dem sie als Witwe gezwungen ist das Originalskript von „Alice im Wunderland“, das Carroll ihr einst schenkte, zu verkaufen.

Die Ausgangsszenerie gab es so tatsächlich, 1932 fand ein ebensolches Treffen zwischen Hargreaves und Davies statt. Der Rest ist literarische Freiheit und dabei so traurig-schön, so deprimierend und Mut machend, dass das Publikum am Ende recht still und nachdenklich das Theater verlässt. Doch nicht ohne Dench und Whishaw vorher entsprechend zu feiern.